Rolf Majcen
Rolf Majcen

Der mit der Sonne tanzt

„Mehr brauchst du nicht!“

 

Im Herbst 2020 fand meine erfolgreiche Berglaufsaison mit den COVID-Regeln ein abruptes Ende, doch das war für mich kein „von 100 auf 0“, denn sofort faszinierten mich andere Vorhaben. Sonne und Nebel waren meine neuen Partner! Ich lief viele Male allein im Dunkeln mit Stirnlampe ins Gebirge, um vor Sonnenaufgang am Gipfel zu sein. Die Stille wurde nur vom Kreischen der Eulen und von fallenden Steinen, die Gämsen und Steinböcke in Bewegung gelockert hatten, unterbrochen. Tieraugen reflektierten in der Finsternis. Ich will nicht sagen, dass ich Angst hatte, wenn ich allein in der Nacht am Berg unterwegs war, aber es war eine spezielle Art der Konzentration, die in mir war. Ich spürte das Geheimnisvolle der Dunkelheit und mein Puls war höher als normal. Später wich das Schwarz der Nacht den Farben der Dämmerung. Trotz innerer Anspannung und Zeitvorgabe blieb ich immer wieder stehen und drehte mich um 360 Grad, um das faszinierende Farbenspiel des anbrechenden Tages über dem Nebelmeer zu bewundern. Alles ging sehr schnell, war intensiv. Gleichzeitig mit der Auflösung der Dunkelheit verfärbte sich der Himmel gelb und rot, und mein Duell mit der Sonne um den Gipfelsieg ging in die Endphase. Mein Körper war stark. Gämsen wachten auf, standen still da und beobachteten mich. Auch der Mond leuchtete noch hell am Himmel. Doch auch wenn ich vor den ersten Sonnenstrahlen am Gipfel war, gab es keine Wertung. Stattdessen Ruhe, Weite, Kälte, und eine Natur, deren Rot die volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Dann tauchte die Sonne auf, magisch elegant, und ich starrte sie demütig an, aber nicht als Sieger, sondern als Bewunderer! Und ich konnte minutenlang zusehen und wahrnehmen, wie schnell die Erde um die Sonne kreist. Ich stand oben, am Gipfel, im Rausch der positiven Energie. Welch glückseliger Tanz der Emotionen fand in meinem Körper statt! Das Tempo der eigenen Wahrnehmung konnte mit den vielen Eindrücken, die die Natur so komprimiert zur Schau stellte, nicht mithalten. Ich weiß, wie es ist, wenn man Wettkämpfe in toller Landschaft bestreitet, aber nicht Stehenbleiben „darf“, und auf das Erreichen der Ziellinie fokussiert ist, war selbst bei spektakulären und landschaftlich außergewöhnlichen Hochalpinwettkämpfen in den höchsten Regionen der Alpen, in Japan, in den Rocky Mountains, in Norwegen, Griechenland, Kroatien, in der Hohen Tatra und im Kaukasus. Aber ich kenne auch ruhige Seiten und bin besonders dankbar über jedes Abenteuer am Berg, bei dem die Sonne mit mir zusammen „als Teampartner“ aufgegangen ist. Die Touren zur Sonne in den Bergen gaben mir als Gesamterlebnis - nächtliches Aufstehen, Gipfelsieg, Naturschauspiel - unglaublich viel positive Kraft und bleiben als „seltenes Gut“ in Erinnerung. Und es gab sogar Augenblicke, die mir vorkamen, als ob ich in den Westalpen oder Dolomiten unterwegs wäre.

 

Die Sonne spielte in meinem Leben immer wieder eine ganz besondere Rolle: Ich wurde in einem Juli im südlichsten Afrika, in Johannesburg, geboren, eine spezielle Beziehung zur Sonne war scheinbar von Geburt an vorprogrammiert. Auch bei vielen meiner Wettkämpfe war die Sonne ein Schauspieler der ganz besonderen Art: Etwa bei der berühmten Patrouille des Glaciers, dem längsten Tourenskiwettkampf der Welt in den Westalpen, bei dem 53 km zwischen Zermatt und Verbier im Hochgebirge in Dreier-Seilschaften zurückgelegt werden müssen, startete ich mit meinen Wettkampfpartnern in Zermatt um Mitternacht und bei Sonnenaufgang standen wir vor Halbzeit des Rennens auf der 3817 m hohen Tete Blanche und bereiteten uns für die lange Abfahrt Richtung Arolla vor. Beim Treppenlauf im 632 m hohen Shanghai Tower, das zweithöchste Gebäude der Welt, lag die Dunst-Obergrenze etwa bei der Hälfte des Wolkenkratzers, und darüber strahlte die Sonne. Beim Race Across The Alps, einem 540 km Langstrecken-Radrennen über 14 Alpenpässe, radelte ich nach eiskalter, nächtlicher Abfahrt und Sekundenschlaf vom Bernina-Paß bei Morgenrot auf den Julierpaß. Und auch bei meinem Lauf durch den unterirdischen Metro-Alpin-Stollen in Saas Fee auf 3000 Meter lief ich vor der ersten Fahrt des Zuges in der Früh los und wurde im Ziel nach Verlassen der Bergstation von strahlender Sonne und Viertausender-Panorama empfangen. Einzigartig war auch der Halbmarathon auf der kroatischen Insel Lastovo: Zielankunft am Meer, als die feuerrote Sonne gerade am Horizont unterging! Und natürlich hatte ich auch spezielle Begegnungen mit der Sonne beim Bergsteigen auf Fünf- und Sechstausender in Afrika und Südamerika.

 

In Zeiten von COVID sind es die scheinbar kleinen Dinge, die einen ganz besonderen Wert bekommen. Das "Gute für das Herz und die Seele" liegt oft so nahe, Fernweh kann und soll warten. Auch der Weg zur Sonne auf einen Hügel kann sehr viel positive Kraft geben. Tanze mit ihr, wenn du sie siehst; und umarme sie in deinen Gedanken. Dann ist das Leben auf einer noch höheren Ebene der Existenz, auf einer noch wilderen, emotionsvolleren, und du spürst welch wunderbare Gegenwart in Dir ist. Mehr brauchst du nicht.

 

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17.10.2021: Gesamtsieg beim österreichischen Berglauf Cup 2021!


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